Media Hacking - Digitaler Aktionismus

Hans Bernhard

 

 

Media Hacking wird generell sehr vage als Manipulation von Medientechnologie beschrieben. Eine spezifischere Definition ist das massive Eindringen in massenmediale Kanaele mit Standardtechnologie wie z.B. Email und mobile Kommunikation (Handy). Mit dieser einfachen Vorgehensweise - schlussendlich ist nur Mut, Intelligenz und Basis Know how im Umgang mit Technik notwendig -  koennen im Zeitalter der "totalen" Vernetzung enorme Reichweiten und Frequenzen im global vernetzten massenmedialen Raum erzielt werden. Populaere Media Hacking Projekte sind der "TOYWAR" von etoy und "Vote-Auction" von UBERMORGEN.COM.

 

Der digitale Aktionismus steht in der Tradition der Wiener Aktionisten und beschreibt die intuitive Ueberfuehrung der Prinzipien des Aktionismus in den digitalen Raum. Die geschaffenen Identitaeten (Corporate, Kollektive) werden zum kuenstlerischen Ausdrucksfeld und aeusserste Realaesthetik, wie z.b. reine Kommunikation wird in den Mittelpunkt gerueckt und somit wird der konventionelle Kunstbegriff zerstoert, sofort wieder geordnet und neu aufgebaut. Die Aktionen werden in Medienberichten, Emails und Logfiles festgehalten. Die fuer Media Hacking und den digitalen Aktionismus notwendigen Systemschwachstellen sind schnell ausgelotet. Elegante legale (oder halb-legale) Loesungen sind jeglicher Illegaler Aktion vorzuziehen. Illegalitaet bedraengt und verunmoeglicht das freie Arbeiten und die offene Publikation. Die Aktion [V]ote-Auction fuehrte zur Verurteilung einiger digitaler Aktionisten in den USA (Missouri, Chicago, Massachusetts und Wisconsin) und verunmoeglicht dem Kuenstler-Duo UBERMORGEN.COM die Einreise in die USA [von 2000-2005].

 

Digitaler Aktionismus bedeutet freie Radikale, Experimente auf dem Markt der Aufmerksamkeit - den globalen massenmedialen News-Kanaelen [CNN]. Unter Verwendungung zeitgenoessischer low-tech Intstrumente, live-generierter Techno-Ethik in den digitalen Peering-Netzwerken, juristischem Fachwissen und psychologischer Transformation des technologischen Impacts auf die Kunst des angehenden 21. Jahrhunderts:  Feature Projekte sind "UBERMORGEN.COM", "etoy", "the digital hijack", "TOYWAR", "[V]ote-auction", "NAZI~LINE", "[F]originals" und der "Injunction Generator".

 

Das "im Netzwerk haengen", an vielen Millionen unsichtbaren aber fuehlbaren Kanaelen angeschlossen sein, das Gefuehl ein duennes Membran im selbst ausgeloesten massenmedialen Sturm zu sein, dort spielt "es" sich ab. Spielfeld ist der ganze Koerper des "Aktionisten" und ganz speziell der Kopf. Es vibriert, es wird bedrohlich, es beschleunigt sich, die Kommunikation geraet total ausser Kontrolle und das Netzwerk wird zur globalen Bedrohung:

 

"We are the children of the 1980s, We are the first internet-pop-generation. We grew up with radical Michael Milken [The King of Junk Bonds] and mythical Michael Jackson [The King of Junk Pop]. Hans Bernhard is loaded with 10 years of internet & tech [digital cocaine], mass media hacking, underground techno, hardcore [illegal] drugs, rock&roll lifestyle and net.art jet set [etoy]. His neuronal networks and brain structures are similar to the global synthetic network he helped build up and maintained subversive activity within. And now they are "infected" by a manic-depression [WHO ICD-10, F31.1.], both Hans Bernhard and The "Network" are infected by this structural disorder. Waves of mania and depression are running through the technical, social and economic structures. Contemporary high-tech societies deal with hardcore brains using bio-chemical "agents" to control the internal information flow, we call them psychotropic drugs. Hans Bernhard was legally sloshed by Zyprexa®, Temesta®, Dominal®, Depakine®, Neurotop® (4). But how can we treat a mentally ill global network?"(*1)

 

"There are not many artists who can present live action and the documentation, in one piece, of an artwork in the form of a videotape containing a 27 minute broadcast from CNN" Flash Art magazine.

 

Negative Affirmation: Demgegenueber versteht Bazon Brock unter Affirmation nicht die 100%ige Bejahung eines Zustimmung fordernden Anspruchs, sondern die mittels 150%iger Ueberhoehung radikalisierte Formulierung dieses Anspruchs. Durch die Drastik der Bejahung wird die Sinnlosigkeit vieler Aussagenansprueche in ihrer Konsequenz deutlich. Es entsteht ein sog. Kippeffekt. Beispiel: der vielzitierte Dienst nach Vorschrift. Jede Organisation, die sich in jedem Punkt an ihr selbst auferlegtes Regelwerk haelt, kommt binnen kuerzester Zeit zum Erliegen. Die Affirmationsstrategie wird von vielen Kuenstlern genutzt, um Aussagenansprueche in ihrer Begruendungslogik zu zerschlagen. Leider wird dabei haeufig uebersehen, dass die affirmative Strategie nicht in allen Handlungsfeldern ueberzeugend eingesetzt werden kann. Dort wo die Realitaet sich bereits selbst in ihren Grenzen thematisiert, kann Affirmation die notwendige aesthetische Differenz nicht mehr erzeugen und dementsprechend keinen Kippeffekt bewirken. Die theoretische Aufbereitung der Affirmationsstrategie entwickelte Brock aus der Erkenntnis der Selbsterhaltungstendenz von Systemen. Je staerker Systeme mittels Schliessung versuchen, ihre Autonomie zu wahren, umso anfaelliger wird die Gesamtstruktur fuer spontane Fluktuationen.(*2)

 

Unsere Bilder sind wie ein Temesta-Aquarium - sie helfen zu entspannen. Das Shock Marketing der UBERMORGEN.COM Group wurde transformiert. Chic Marketing: ein zeitverzoegertes Style Implantat. Hans Bernhard operiert seit Jahren in einem sehr schnellen massenmedialen Rueckkoppelungsnetzwerk. Real-time living im Gegensatz zur amerikanischen fast food Trash Kultur, die aus Re-Runs der 50-90er Jahre besteht, im kulinarischen, im entertainment, im biologischen [bakteriellen] und im infrastrukturellen Bereich.

 

Als Teil eines pulsierenden technologischen und medialen Netzwerkes sind unsere Aktionen [digitaler Aktionismus, Media Hacking, Legal Art, [F]originals, digitale Kunst, net.art] vegetativer Art. Der Schmerz, die Neugierde, die Geschwindigkeit erzeugen Rauschzustaende, welche wiederum zu instinktiven Reaktionen fuehren. Frueheres Training mit Lsd, Xtc, etoy, UBERMORGEN.COM, Meskalin und anderen Drogen und Sekten helfen dabei, nicht in permanente Psychosen zu verfallen, sondern mit Erfahrung, Gefuehl und Uebersicht ein 500 km/h Corporate-Geschoss durch den 3d-rush-hour Stadtverker ohne Schwerkraft zu fuehren [retroyou r/c].

 

UBERMORGEN.COM

 

Das Kuenstler-Duo UBERMORGEN.COM wurde 1999 von Maria Haas (a.k.a. Liz oder lizvlx) und Hans Bernhard (a.k.a. etoy.HANS, etoy.BRAINHARD, hans_extrem, e01, Luzius Bernhard), Mitbegruender der legendaeren Schweizer Kuenstlergruppe etoy ("the digital hijack", „Toywar") gegruendet. Die Handlungsfelder des Unternehmens, das in Deutschland, Oesterreich, der Schweiz und Bulgarien registriert ist, sind Software-Entwicklung, Lizenz-Vertraege, angewandtes Design und Beratungstaetigkeiten fuer multinationale Unternehmen sowie Aktions-, Performance- und massenmediale Kommunikationskunst und bildende Kunst. UBERMORGEN.COM bezeichnet seine Aktivitaeten als "Media Hacking" und verbreitet seine Inhalte mit "Guerilla-Marketing-Taktiken" bzw. mittels des sogenannten "Schock-Marketing". Die GruenderInnen des Labels schoepfen in ihrer kuenstlerischen Arbeit aus den Un- und Abfaellen der Net.Art und der ihr inhaerenten systemkritischen Einstellung gleichermassen wie aus der post Pop-Kultur der Formel 1 und des staatlichen Formular-Wahnsinns. UBERMORGEN.COM hat sich in den letzten Jahren auf die Entwicklung der sogenannten "Legal Art" konzentriert, sie konzeptionieren und realisieren Projekte, die sich "on the edge of the law" bewegen und dementsprechend auch polizeilich und gerichtlich geahndet werden. http://www.ubermorgen.com/

 

etoy

 

Die etoy.CORPORATION ist ein umstrittener Globalplayer, online seit 1994. etoy nutzt die Strukturen einer Firma, um kulturelle Werte zu maximieren: das noch fehlende Kettenglied in der Wertschoepfungskette. Fuer etoy loesen sich die draengenden Probleme der Globalisierung nicht durch die einfache Negierung der globalen Maerkte, des Warenaustauschs, der Firmen, Kulturen, die Politik wie auch die Individuen antreibt. Indem sie die Risiken und Ressourcen teilen, den Markennamen schuetzen und die Interessen der Anteilseigner maximieren, versucht die etoy.CORPORATION, sozial, kulturell und finanziell Werte zu schoepfen. etoy.SHAREHOLDERS investieren Zeit, Wissen und Ideen (oder einfach Finanzen). etoy.OPERATIONS konzentrieren sich auf die Ueberlappung von Entertainment, kulturellen, sozialen und oekonomischen Werten. etoy.SHAREHOLDERS sind Teil eines dynamischen Kunstwerks, das 24 Stunden am Tag inmitten unserer Gesellschaft operiert -- online und offline. http://www.etoy.com/ (*3)

 

"the digital hijack"

 

Mit der Hijack-Kampagne demonstrierte etoy gegen die unreflektierte Uebernahme der von Suchmaschinen geschaffenen Internethierarchien. Fuenf Monate lang "entfuehrt" die Gruppe im Jahr 1996 die Nutzer von Suchmaschinen. Dazu entwickeln die Netzkuenstler ein Skript mit dem Namen "Ivana". Mit diesem Programm analysiert etoy die Wortkombinationen, die bei der Suche nach populaeren Stichwoertern wie "Porsche", "Lifestyle" oder "Porno" eine hohe Platzierung in den Ergebnislisten ergeben. Mit Hilfe dieses Wissens programmieren die Netzaktivisten eigene Seiten, die nun bei der Suche nach entsprechenden Woertern ebenfalls in den Listen der Suchmaschinen ganz oben auftauchen. Klickt ein Nutzer auf eine solche Seite, oeffnet sich zunaechst ein Fenster mit dem Text "Don’t fucking move. This is a digital hijack". Insgesamt werden 1.5 Mio. Netznutzer gekidnappt. (*4)

 

... man schrieb 1996 – man hielt das Netz noch fuer sicher, als noch nicht Hacker und Cracker auf die enormen Sicherheitsluecken auf die moeglichen Ausspaehungen aufmerksam machten, konnten die Aktivisten von etoy deutlich machen, dass das Netz alles andere als sicher ist... http://user.uni-frankfurt.de/~kerscher/hatt/subversive.html (*5)

 

Unterwanderung flacher Hierarchien. Mit ‚The Digital Hijack’ brachte die Gruppe "etoy" bereits 1996 einen Aspekt in die net.art ein, der folgend von zahlreichen Kuenstlern thematisiert wurde und als verbreitete Diskussionsgrundlage dienen sollte: die Hinterfragung vermeintlich flacher Hierarchien durch gezielte Unterwanderung systemimmanenter Bedingtheiten. Das gesetzte Problem der Autoritaetsgewinnung stellte sich hier nicht nur fuer den Anbieter von Information, auch der Nutzer sollte sich seiner notwendigen Medienkompetenz bewusst werden. Die Entfuehrung der User durch sich selbst war zur damaligen Zeit sowohl ein technischer Kunstgriff, als auch eine juristische Gratwanderung. Letztlich wurde der CIA bis nach Oesterreich taetig, das Bundesministerium fuer Innere Sicherheit wurde (unnoetig) bemueht (*6) http://www.hijack.org

 

"TOYWAR"

 

Als Reaktion auf die Ende 1999 efolgte Ausschaltung der Webpraesenz der Kuenstlergruppe etoy durch den Spielzeugversand eToys entwickelte eine Community von Netzaktivisten um die US-amerikanische Kuenstler- und Aktivistengruppe RTMark den etoy-Solidaritaets-Fond und die Toywar-Plattform, deren erklaertes Ziel es war, die Firma eToys zu zerstoeren. Es ging darum, den Wert der eToys-Aktien mit allen zur Verfuegung stehenden Mitteln so weit wie moeglich nach unten zu druecken. In den folgenden Wochen griffen Aktivisten die Website von eToys mit verschiedenen Mitteln (z.B. virtuelle Sit-Ins) an, die fuer den darauffolgenden siebzigprozentiger Wertverlust der eToys-Aktien in der Nasdaq-Notierung verantwortlich gemacht wurden. Die Toywar-Website war ein symbolisches Schlachtfeld, ein Online-Solidaritaets-Spiel, in dem die UnterstuetzerInnen von etoy in Form von playmobilartigen, mit virtuellen Waffen ausgeruesteten Avataren aufmarschierten. Die Spielankuendigung las sich folgendermassen: "On your team, thousands of players. Your opponents: eToys and its shareholders – as long as they still own shares. The stakes: art, free expression and life on the Internet." Die pro-etoy-Community wurde auf dem Hoehepunkt der Kampagne durch 1798 Avatare visualisiert, die auf der Website demonstrativ Stellung bezogen. etoy und RTMark setzten mit der "Toywar"-Plattform der normalerweise bilderlosen, strukturellen Gewalt(strategie) der Oekonomie im Netz eine eben diese bilderlose Gewalt visualisierende Strategie entgegen. Nach drei Monaten liess eToys.com Ende Januar 2000 die Klage gegen die Kuenstlergruppe fallen – nicht zuletzt wohl wegen der heftigen Gegenreaktionen, die eToys.com zu spueren bekommen hatte. (*7)

 

"[V]ote-auction"

 

Das auf einer Idee von James Baumgartner basierende und von UBERMORGEN.COM weiterentwickelte Projekt "[V]ote-auction" (2000) basierte auf dieser Marketing- und Kommunikations-Strategie. Unter dem eingaengigen Slogan "Bringing capitalism and democrazy closer together!" wurde US-amerikanischen Waehlern puenktlich zur Praesidentschaftswahl 2000 (G.W.Bush vs. Al Gore) die Moeglichkeit angeboten, ihre Stimme im Internet ueber eine Online-Auktions-Plattform meistbietend zu versteigern. Die angebotenen Stimmen eines ganzen US-Bundesstaates sollten dann an den Meistbietenden verkauft und der entsprechende Anteil am Erloes den Stimmenverkaeufern ausbezahlt werden. In beneidenswerter Klarheit wurde so die Verschraenkung von Kapital und (Stimm-)Macht demonstriert. Waehrend individueller Stimmenverkauf in allen US-Bundesstaaten und auf Bundesebene zwar streng verboten ist, wird dieses Verbot naemlich durch massive (legale) Wahlkampfspenden grosser Wirtschaftsunternehmen permanent unterlaufen. Die Resonanz in den Massenmedien war ueberwaeltigend. In den drei Monaten vor der Wahl gab UBERMORGEN.COM am Tag bis zu fuenf Radio- und TV-Interviews und bis zu 20 Interviews per e-mail und Telefon. Verschiedene US-amerikanische Staatsanwaelte kuendigten insgesamt 13 Gerichtsverfahren gegen UBERMORGEN.COM an. In vier US-Bundesstaaten wurden wirkliche Verfahren eingeleitet (Missouri, Chicago, Massachusetts und Wisconsin) und einstweilige Verfuegungen ausgesprochen. Aufgrund eines Richterspruchs in Illinois wurde die Domain der Website zweimal gesperrt, konnte aber unter leicht veraendertem Namen jeweils wieder - rechtzeitig fuer die Wahlen selbst - online gehen. [...] Insgesamt sollen bis zu 450 Millionen Medienkonsumenten von der Aktion erfahren haben. Da den Vertretern von "[V]ote-Auction" jedoch letztendlich keine illegalen Aktivitaeten nachgewiesen werden konnten, wurden die Gerichtsverfahren in allen Bundesstaaten (ausser in Illinois) eingestellt. UBERMORGEN.COM stellt alle in diesen Verfahren generierten Originaldokumente (Klagen, Gerichtsurteile, etc.) in Ausstellungen aus und nennt diese "[F]originals" (eine Kombination aus "forged"/gefaelscht und "original"). Die so realisierte permanente Verquickung von Fakt und Fiktion verweist auf einen extrem erweiterten Materialbegriff, der fuer UBERMORGEN.COM auch (internationales) Recht, Demokratie und globale Kommunikation (Input-Feedback-Loops) umfasst. (*8)

 

"Federal Attorney Janet Reno, the FBI and the NSA were investigating the case to ensure the integrity of the voting process on november 7th, 2000. Over 1800 global and national News features in online media, print, television and radio have been reported (including a 27 min. CNN exclusive "Burden of Proof"). "[V]ote-Auction" is one of most risky and paradoxically successfull projects by UBERMORGEN.COM exhibited the [V]ote-auction CNN tape, Voteauction-Seals and [F]original legal Documents in the Aldrich Contemporary Art Museum 2001, The Premises Gallery Johannesburg 2002, Museu d`Art Contemporani de Barcelona 2003, Read_me 2.4 Helsinki 2003, Konsthall Malmoe 2004, Kunsthaus Graz 2004, Lentos Museum of Modern Art 2005." Fall 2004, UBERMORGEN.COM collaborated with Jorgen Follested on SELLtheVOTE.COM and exhibted *THE*AGENCY* [for manual Election Recounts] [7] in a solo-exhibition at Kunsthaus Graz, medien.KUNSTLABOR Gallery. 5uper.net and UBERMORGEN.COM are producing "Voteauction - The Movie & Die Aktion", a experimental film based on the CNN feature "Burden of Proof" and material from "Voteauction - Die Aktion" [emails, injunctions / legal documents, log-files, articles, historical data]. http://www.vote-auction.net/

 

"NAZI~LINE"

 

2001 wurde Christoph Schlingensief eingeladen den Hamlet am Schauspielhaus Zuerich zu inszenieren. Statement Schauspielhaus Zuerich: "Das Projekt NAZI~LINE ist integraler Bestandteil der Arbeit von UBERMORGEN.COM und Christoph Schlingensief am HAMLET. Sie verfolgen mit NAZI~LINE ein hochmoralisches Anliegen, naemlich die Resozialisierung von Rechtsextremen mit den Mitteln der Kunst. Dieses Anliegen unterstuetzen wir als Schauspielhaus vorbehaltlos.  Im uebrigen moechten wir darauf hinweisen, dass NAZI~LINE nicht mit Schweizer Geldern, sondern mit Mitteln der Bundeszentrale fuer politische Bildung der BRD finanziert wird und dass dieses Projekt bereits jetzt zum Berliner Theatertreffen 2001 eingeladen ist. " In Kollaboration mit UBERMORGEN.COM wurden im Zuge dieser Inszenierung "echte" deutsche Neo-Nazis als Schauspieler gecastet nach Zuerich transferiert und am Schauspielhaus fuer die Zeit der Produktion angestellt. Dieses Projekt erzeugte massive Kommunikationsenergie (Presse und auf der Strasse, Strassenaktionen mit Neo-Nazis, digitale Aktionen im Netz), zudem wurde der Hamlet auch in Berlin am Theatertreffen gezeigt und bei einem gemeinsamen Besuch des Bundestages kamen sich die Szene-Aussteiger Neo-Nazis und Bundestags-Abgeordnete naeher. Pressemitteilung Auszug: "Im Falle von NAZILINE.COM sollen aussteigewillige Neonazis aus Deutschland die Chance erhalten, als SCHAUSPIELTRUPPE in Schlingensiefs HAMLET-Inszenierung auf der Buehne zu stehen. Sie werden mit dem Ensemble proben und so einen Einblick in die kuenstlerisch-kreative Arbeit erhalten. NAZILINE.COM wird u.a. unterstuetzt von der Deutschen Bundeszentrale fuer politsche Bildung und der Vizepraesidentin des Deutschen Bundestages, Antje Vollmer. Im Laufe dieser Woche werden Schlingensief und sein Ensemble (darunter Irm Hermann, Peter Kern, Bibiana Beglau und Sebastian Rudolph) in Zuerich unterwegs sein. Sie werden mit einem Info-Stand fuer die Anliegen und Ziele von NAZILINE.COM werben." http://www.ubermorgen.com/NAZI~LINE/

 

 

 

"Injunction Generator"

 

Der "Injunction Generator" (2001) von ubermorgen ist ein automatischer Generator zum Erzeugung von Massen-Abmahnungen (bzw. einstweiliger gerichtlicher Verfuegungen), wie sie als Waffe gegen missliebige Websites eingesetzt werden, oder auch nur um wegen vermeintlicher Verstoesse gegen Wortmarken, Impressumspflicht oder Persoenlichkeitsrecht Anwaltsgebuehren abzukassieren. http://www.ipnic.org/

 

Gibt es Webseiten, die Sie aus dem World Wide Web mittels einer hoechst subversiven Methode entfernen wollen? Auf unserem Server koennen Sie automatisch eine “INJUNCTION” [.pdf/.rtf Format] generieren, also einen gewoehnlichen Gerichtsbeschluss, der der Zielwebsite vorwirft, auf unrechtmaessiger Basis zu arbeiten. Dieses automatisch generierte Dokument wird dann an den entsprechenden DNS-Registrar geschickt (DNS = Domain Name Service), an den Besitzer der Website und womoeglich an einige Journalisten, die sich der Sache juristisch und publizistisch annehmen. Sie muessen nur ein einfaches Formular ausfuellen und abschicken. Alles in allem dauert es nicht laenger als 15 Minuten. Sobald die Website entfernt wurde, benachrichtigen wir Sie via e-mail. (http://runme.org/project/+ipnic/)

 

Der "Injunction Generator" automatisiert und demokratisiert, was sonst grossen Firmen mit guter finanzieller Ausstattung vorbehalten ist: das Versenden von Abmahnungen ohne jegliche juristische Grundlage. Um die Veroeffentlichung von vermeintlich kritischen Informationen ueber ihre Produkte oder ihr Verhalten zu unterdruecken, drohen Wirtschaftsunternehmen fast schon routinemaessig mit gerichtlichen Schritten oder hohen Strafen. Allein die Androhung solcher Strafen fuehrt in vielen Faellen zu einer Beschneidung der Meinungsfreiheit: "[T]he law is used by whoever has the most cash to victimize those without it." (The Yes Men http://runme.org/feature/read/+ipnic/+54/)

 

 

"[F]originals


Authentizitaet als konsensuelle Halluzination"

 

„Nur Pixel auf dem Bildschirm,

nur Tinte auf dem Papier“

 

Basierend auf zwei zentralen Projekten ("[V]ote-auction.com", 2000, und "Injunction Generator", 2001) hat die schweizerisch-oesterreichische Kuenstlergruppe UBERMORGEN.COM den Begriff des [F]originals entwickelt. UBERMORGEN.COM nennt alle Klagen, einstweilige Verfuegungen und Gerichtsurteile, die in diesen Verfahren generiert wurden „[F]originals“ – eine Kombination aus „to forge“ (faelschen) und „original“. Einerseits verweist die in dieser Wortneuschoepfung realisierte Verquickung von Fakt und Fiktion auf einen signifikant erweiterten Materialbegriff, der fuer UBERMORGEN.COM auch internationales Recht, Demokratie und globale Kommunikation (Input-Feedback-Loops) umfasst. Andererseits thematisieren UBERMORGEN.COM mit ihrer Strategie der bewussten (affirmativen) Erstellung von [F]originals (wie z.B. im Injunction Generator) die zunehmende Existenz von [F]originals in unserer alltaeglichen Lebensumwelt. [F]originals behaupten etwas, z.B. eine Authentizitaet, erweisen sich jedoch bei eingehender Betrachtung als nichts weiter als eine konsensuelle Halluzination (so die beruehmte Definition des Cyberspace von William Gibson aus dem Jahr 1984 in der Publikation "Neuromancer").  Als (F)originals lassen sich jegliche "originale" Dokumente bzw. Schriftstuecke bezeichnen, die im engeren Sinne keine Originale mehr sind, die z.B. "maschinell erstellt" sind und "ohne Unterschrift gelten". Letztendlich stellen solche "(f)originalen" Schriftstuecke nichts weiter als Pixel auf einem Bildschirm bzw. Tinte auf Papier dar. Diese maschinell bzw. durch Software erstellten Dokumente koennten, so suggeriert UBERMORGEN.COM, auch anders aussehen, z.B. indem ein Bankauszug, der aus einer bestimmten Anzahl von Bildpunkten (Pixeln oder Tinte) besteht, genauso gut die Form eines Kunstwerkes annehmen oder als geschoenter beziehungsweise optimierter, d.h. nach oben korrigierter Kontostand („Re-Arrangement“ der Bildpunkte) dargestellt werden koennte. Nicht nur ist, so suggeriert UBERMORGEN.COM, die Beziehung zwischen „realem“ Kontostand und seiner Repraesentation eine arbitraere (willkuerliche), sondern der Kontostand selbst ist ein virtueller. http://www.foriginal.comhttp://www.ipnic.org/BANKSTATEMENTGENERATOR (*9)

 

 

 

 

 

 

 

(*1) Hans Bernhard / UBERMORGEN.COM, "Open Nature" Katalog, NTT ICC Tokio, Fruehling 2005

(*2) http://www.brock.uni-wuppertal.de/cgi-bin/echo.pl?vorlage=v_white_32&stw=Negative%20Affirmation

(*3) http://www.medienkunstnetz.de/kuenstler/etoy/biografie/

(*4) Thomas Goebel, http://www.gep.de/medienakademie/netzaktivismus/was_geht/was_geht_steckbrief3.htm

(*5) Birgit Richard, Gottfried Kerscher, Kunstforum International Bd. 153 (Choreografie der Gewalt), Jan-Maerz 2001, S. 202-229

(* 6) http://www.medienkunstnetz.de/werke/the-digital-hijack/

(*7) http://www.medienkunstnetz.de/werke/toywar/

(*8) Inke Arns, http://www.medienkunstnetz.de/werke/vote-auction/

(*9) Inke Arns